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Einhänder
Sony PlayStation, Squaresoft (1997)
Eine echte Überraschung beschert uns Square, von denen man zur Abwechslung mal nicht ein neues RPG-Epos, sondern einen waschechten Horizontalshooter präsentiert bekommt. Mit Einhänder hat Square dem auf der PSX stagnierenden Genre pünktlich zum Weihnachtsfest '97 fast zeitgleich mit dem Saturn-Release von Thunder Force V und lange Zeit vor dem grandiosem R-Type Delta endlich wieder etwas Leben und Innovation eingehaucht. Gerade in Sachen Präsentation zeigt Einhänder auch heute noch eindrucksvoll auf, wozu man die Möglichkeiten der PSX nutzen kann. Eingeleitet wird die bevorstehende Auseinandersetzung mit einem rasant geschnittenem Rendervideo, im Spiel gibt es dann größtenteils Polygongraphik, das Gameplay bleibt glücklicherweise brav in der zweiten Dimension. Nur große Teile des Hintergrundes, Standardexplosionen (trotzdem sehr hübsch anzusehen!) und eine handvoll anderer Effekte bestehen weiterhin aus klassischer Bitmapgraphik, die sich hier allerdings merkbar harmonischer in die Polygonkulisse einfügt, als das bei den etwas grobpixeligen ThunderforceV Bitmaps der Fall ist.

Innovativ gibt man sich vor allem beim Extrawaffensystem. Zunächst wählt Ihr zwischen drei verschiedenen Grundmodifikationen Eures stählernen Racheengels. Zur Auswahl stehen die Varianten Astraea Mk.I (2 Slots die je eine Waffe aufnehmen können - das Machingun kommt nur zum Einsatz, wenn ein Extrawaffenslot unbesütckt ist), Endymion Mk.II (Machingun+ 1 Slot - kann bis zu drei Extrawaffen aufnehmen und zwischen diesen per Schultertaster wechseln) und Endymion Mk.III (doppelläufiges Machingun+ 1 Slot - kann nur eine Extrawaffe aufnehmen). Jede Extrawaffe besitzt zwei verschiedene Schusspositionen, zwischen denen der Spieler per Knopfdruck jederzeit wechseln kann. Einhänder kommt ohne Speed Ups, Smart Bombs und weitere Extras aus, der Schub kann in 4 Stufen bequem mit den Tastern gewechselt werden. Waffen lungern nicht wie meist üblich in unmotiviert herumfliegenden Drohnen herum, sondern werden von pulverisierten Gegnern erbeutet. Wichtig ist es hier, die richtigen Teile des Gegners zu erwischen: wer den Waffenpart in Stücke schießt, hat auch nichts mehr einzusacken. Dummerweise teilen sämtliche Extrawaffen die Gemeinsamkeit mit einem begrenzten Munitionsvorrat auskommen zu müssen. Man sollte seine verbliebene Munition daher gut im Auge behalten, damit einem beim Endgegner Aha-Erlebnisse der negativen Art erspart bleiben ("Wie jetzt? - Schon leer die Cannon?!?"). Vor allem Vulcans, Cannons und Raketen fallen im Überfluss von der zerborstenen Feindschar ab. Einige Waffen (Juno, Flash, Python, ...) können jedoch nur sehr selten, z.B. bei einem bestimmten Zwischengegner erbeutet werden.

Um sie diesem abzunehmen, wird dem Spieler spielerische Präzisionsarbeit abverlangt: wer seine Munition wahllos Richtung Feind entlädt, kriegt zwar den Gegner platt, mit ihm aber auch seine Extrawaffe. Wer sich beim gezielten Beschuss hingegen zuviel Zeit nimmt, wird mit der Flucht des Gegenüber "belohnt" und kommt ebenfalls nicht an die erhoffte Edelwumme.

Da ihr bei Lebensverlust alle Extrawaffen verliert und man mit einer einmalig erbeuteten Python nicht allzulange Freude hätte, merkt sich die Memorycard freundlicherweise, welche der zahlreichen Waffen Ihr einem Gegner bereits einmal abgenommen habt. Zu Beginn des nächsten Spieles dürft ihr dann auswählen, welches Kampfgerät bereits zu Beginn eure zur Verfügung stehenden Extrawaffenslots schmücken darf, auch nach Lebensverlust rematerialisiert sich Euer Schiff dann mit einem frisch aufmunitionierten Todesbringer der durchschlagskräftigeren Art. Waffenfreaks dürfen sich zudem in der hübschen Rendergalerie an den erbeuteten Waffen (und mehr) ergötzen.

Das Leveldesign ist zwar nicht überragend, hält den Spieler aber mit Waffenklauprinzip, stetig steigendem Schwierigkeitsgrad und nicht zuletzt mit unter Rauchschwaden abschmierenden, abwechslungsreichen Gegnern während der 7 Level problemlos bei Laune. Das Zerlegen und Wegbröseln von normalem Kanonenfutter macht bei Einhänder auch beim 100. Spielen mehr Spass als viele Shootern in ihren lichtesten Momenten. Im Vordergrund stehen bei Einhänder dennoch die imposant inszenierten Mittel- und Endgegnerschlachten: nachdem man die freundliche Bekanntmachung ("Hier findest Du nur dein Grab!") in elektronisch verzerrtem, aber akzentfreien Deutsch müde lächelnd zur Kenntnis genommen hat hat, fordern die meist bildschirmfüllenden Stahlkolosse mit abwechslungsreichen Taktiken Euer Reaktionsvermögen und vor allem prall gefüllte Waffenmagazine: mit den passenden Wummen werden auch dicke Endgegner im handumdrehen eingeäschert. Mit den falschen oder gar keinen entstehen selbst bei zartfühligsten Mittelgegnern zähe Duelle, was leider dazu führt, dass Einhänder in solchen Situtationen zu geringfügiger Langatmigkeit tendiert.

Der Graphik- und Musikstil sind sehr gut aufeinander abgestimmt, auch wenn der Soundtrack über weite Strecken nicht ganz so mitreissend wirkt, wie er es wohl gerne wäre. Ziemlich düster gehalten erinnert speziell die ersten Stage sehr stark an Blade Runer, später geht es dann unter industrialangehauchter Musik im feindlichen Fertigungsgelände zur Sache, bis man das Gefecht schließlich im All unter sphärischen Klängen zu Ende bringt. Neben der deutschen Sprachausgabe sammelt Einhänder auch bei den glasklaren Soundeffekten fleissig Pluspunkte - Einhänder eignet sich hervorragend dazu, vehassten Nachbarn auf den Geist zu fallen.

Mit Einhänder ist Square auf Anhieb ein erstklassiger Shooter geglückt, der sich mit seinem humanen Schwierigkeitsgrad (in 4 Stufen regelbar) nicht nur an Veteranen richtet, sondern auch Genreeinsteiger begeistern kann. Ein wenig problematisch ist der Fakt, dass Einhänder ab dem Zeitpunkt, wo man einmal eine dickere Extrawaffe erbeutet hat der Schwierigkeit etwas zu einfach wird. Gerade mit der Juno zerlegt man so auch spätere Endgegner oft in Rekordzeit und ohne nennenswerte Gegenwehr. Technisch gibt sich Einhänder nahezu tadellos, nur äußerst selten leidet der Kanditat unter leichten Slowdowns - Ruckeln bleibt dem Spieler gänzlich erspart. Graphisch mitreissend sind vor allem (aber nicht nur) die schön designten Endgegner. Nie war es spaßiger Riesenmechs mit den zahllosen und liebevoll animierten Extrawaffen (rückstoßende Cannons und rotierende Gatling-Guns) Stück für Stück in seine Einzelteile zu zerlegen. Kurzum: Einhänder gehört zweifelsfrei zu den Topshootern auf der PSX und trotz kleiner Mängel in jede Shootersammlung.
85%
Nijohc, 07.02.2008

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